Territory

59 Photographs (Territory), 45 × 67,5 cm each
Pigmentprint on Tecco Wallpaper, magnets

59 Text sheets with spektrograms, 29,7 × 21 cm each
Printer paper, magnets

5 Photographs (Bird ringing), 22 × 33 cm each
Pigmentprint on baryta paper, framed

Quote, vinyl lettering

Layout: Leila Tabassomi

2019

Berlin is the capital of nightingales. In spring, the males’ whistles and trills fill the whole city, and not just a few appear to amplify their song by singing close to bridges. Sometimes they can even be heard next to a passing S-Bahn train. Nightingales are faithful to their habitat and return to the same place every year.
 
I set off on nocturnal forays to seek out nightingales in Berlin and then shot these same urban spaces during the day. The images, taken between Platz der Luftbrücke and Mauerweg, show everyday places which otherwise receive little attention. I also recorded the birds’ songs, which they use to claim their territory. The songs form part of the exhibition concept as sound installation and graphic visualization.  

The work TERRITORY was realized with the Haus am Kleistpark 2018 photography work grant.

Eröffnungsrede Haus am Kleistpark

von Franziska Schmidt

Einst, so geschah es in Berlin, sang eine Nacht ... Eine Nachti .. Ja Nachtigall am Sachsenplatz. Hat man in Berlin / Das je gehört? Sie sang, so schien es, nur für einen, nur für ihn – Joachim Ringelnatz.

Ob Ringelnatz, Klopstock, Puschkin oder Eichendorff, ob Friedrich der Große, Ernst Moritz Arndt oder Theodor Storm – des Nachtigalls Lied drang direkt durchs Herz in viele Verse. Auch Walter von der Vogelweide, Hans Christian Anderson, Shakespeare oder Oscar Wilde haben dem kleinen Vogel prosaisch ein Denkmal gesetzt. Georg Friedrich Händel hat für ihn Werke komponiert und Igor Strawinsky seine Lieder vertont.

Die Nachtigall gilt als Verkünder des Frühlings. In vielen Volksliedern überbringt Frau Nachtigall die Botschaft der Liebe und ist bisweilen auch wegen ihres verführerischen, leidenschaftlich aufregenden Gesangs selbst angeklagt.
Ihre Lieder lindern Schmerzen und bringen den Kranken Besserung sowie den Sterbenden einen sanften Tod. „Wenn nur die Nachtigall käm und tät uns auflösen“ wussten die Leute zu sagen. Hingegen war die Nachtigall, die sich aus Gram um ihre verlorenen Jungen an einem Gabelaste selbst erhängte, in ihrer Seele verdammt.
Zum reinen Zeitvertreib bevölkerte der Singvogel seit dem Spätmittelalter heimische Volieren, bis eine im 19. Jh. eigens eingeführte Nachtigallensteuer Einhalt gebot.

Alle Faszination, Anziehungskraft und kulturelle Verklärung bleibt bis heute ungebrochen, wenn auch niemand mehr so recht das Aussehen und den Gesang zu beschreiben vermag. Galt in der DDR Halle (Saale) als die Forschungsstätte bzw. „Hauptstadt der Nachtigallen“, ist dies heute zweifellos Berlin. Von den deutschlandweit geschätzten 70.000 bis 130.000 Exemplaren sind allein in Berlin 3.000 Tiere, darunter 1.500 Sänger bekannt. Von April bis Juni ertönt vielerorts ihre nächtliche Melodie. Klein und unscheinbar, kaum dreißig Gramm schwer kehrt dieser temporäre Stadtbewohner jedes Frühjahr aus dem südlichen Afrika an seinen alten angestammten Brutplatz zurück. Dieser liegt in Bodennähe in einem der zahllosen Sträucher und Büsche der Stadt zwischen den Brennnesseln verborgen. Kaum angekommen, können die Männchen ohne Unterlass bis zu 20 Stunden am Tag lauthals für ein Weibchen werben. Zugleich werden damit akustisch die Reviere abgesteckt. Die kaum enden wollenden Lieder verweben sich virtuos zu immer neuen Variationen – Das Repertoire der Berliner Nachtigall soll bis zu 2.000 Strophen betragen. Ihr Schlagen, Schluchzen, Ziehen, Zwitschern, Flöten und Trillern trägt weit und übertönt selbst den lautesten Stadtlärm. Dabei verbleibt der Protagonist in der Dunkelheit und ist zumeist auch im taglichten Dickicht wie hinter einem Sichtschutz, einer Projektionsfläche verborgen. Ein kleiner Vogel, der aus dem Verborgenen heraus zu einem verklärenden Spiegelbild unserer romantischen Vorstellungen und innerer Welten wird: mit Wünschen, Sehnsüchten, Vorstellungen und Geschichten. Zugleich steht er symbolisch als bewusstseinsbildender Grenzgänger zwischen der Natur, Kunst und Kultur.

Genau da liegt Daniela Friebels künstlerisches Interesse begründet – in jenen Ambivalenzen und Gegensätzen, die diverse Konstellationen sozialer und struktureller Gepräge nach Sichtbar- und Nicht-Sichtbarkeit und dem Wechsel der Perspektiven befragen. Im intuitiven Spiel mit den Wahrnehmungen sowie in der Konstruktion von Raum und Bild erscheinen ihre bisherigen Arbeiten zuweilen wie Illusionen, vielleicht sogar Simulationen und werden zu einer inneren Anverwandlung der Außenwelt und umgekehrt.
Mit Revier untersucht nun Friebel den Raumbegriff auf seinen kulturellen Kontext hin neu und wagt den Versuch einer veränderten sowie ungewohnten Sicht auf das städtische Raumgefüge, indem sie diesen auf die einzelnen Nachtigallen-Reviere hin erforscht und kartiert.

Wochenlang war Daniela Friebel, zuerst bei Nacht (nur so konnte sie die Brutstätten finden) und anschließend bei Tag (da mit der Kamera in der Hand) in ganz Tempelhof-Schöneberg unterwegs. Ihr Projekt hat sie zu gewöhnlichen aber auch besonderen Orten geführt, immer da, wo eine Nachtigall sang – an belebten Straßen und Kreuzungen oder Plätzen, inmitten von Park- und Grünanlagen, in Hinterhöfen, unter Brücken, neben den Zuggleisen, an der Autobahn und deren Auf-und Abfahrten, auf verödeten Brachflächen und an verlassenen Wegen sowie in sich selbst überlassenen Industrielandschaften.
80 Bilder sind so entstanden – zum Beispiel vom Augsburger Platz, der Wittelsbacher Straße, dem Tempelhofer Feld, dem Platz der Luftbrücke, dem Rathaus Schöneberg, der Monumentalbrücke, von Südkreuz aber auch dem Kynastteich und Pumpenwerk Saentis, dem S-Bahnhof Priesterweg Süd, der Gartenarbeitsschule und Ringautobahn oder dem Mariendorfer Hafenweg.


Der Aktionsradius Tempelhof-Schöneberg kann sich bis auf eine Gesamtfläche von 53 km2 erstrecken – was ungefähr der Größe von 7430 Fußballfeldern entspricht. Zur besseren Anschauung: Die einzelne Nachtigall beansprucht im Durchschnitt die Größe von ungefähr einem, bemessen an dem darin vorhandenen Nahrungsflächenanteil. Mehrjährige Exemplare, die zur Paarung gelangen, besetzen die sogenannten optimalen Reviere. In suboptimalen siedeln überwiegend die teilweise unverpaart gebliebenen Einjährigen. Ist die Brutpflege abgeschlossen, verschwinden die einzelnen Territorien und lösen sich auf.

Gewissermaßen birgt die Arbeit von Daniela Friebel in sich auch ein künstlerisches Gleichnis, wenn es um die Erklärung des Titels „Revier“ geht. Im Kern lässt sich der Gedanke ebenso auf das Zusammenleben der Menschen übertragen. Auch dieser fügt sich in Räume, bewegt sich in bestimmten Milieus, fühlt sich zugehörig oder bildet gemeinschaftliche Identitäten. Nicht selten verbreitet er sich in der Öffentlichkeit oder markiert das, was vermeintlich ihm gehört. Dabei kommt es zu mannigfaltigen Ausdrucksformen, wie Mauern und Zäune oder Markierungen und Schilder signalisieren. Auch die Größe eines Autos kann bedeutsam erscheinen. Das ungestüme Ausschreiten einer Person kann Zeichen setzen. Ebenso warnt in einer bestimmten Situation ein diffuses Gefühl des Unbehagens, so auch der ausweichende, Distanz herstellende Blick. So manches Verhalten strukturiert und balanciert das Miteinander im Leben.
In Friebels Projekt rückt der Tag- und Nachtrhythmus beide Erfahrungsbereiche von Tier und Mensch abwechselnd in den Mittelpunkt. So entsteht vielleicht eher unbewußt eine Form der performativen Interaktion. Das Erleben von Stadt ist in der Nacht ein anderes als am Tag. In der Dunkelheit, meist von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden, folgt Friebel allein ihrem Gehör, um die einzelnen Reviere zu bestimmen, die sie in einer Karte markiert. Zudem wird jeder Gesang auf Tonband gebracht. Wo wir Nachts die Nachtigallen hören, sind sie bei Tageslicht verstummt und das Stadtleben verschluckt bzw. überdeckt gerade noch dagewesene Spuren. Am Tage hält Friebel deren Lebensraum mit der Kamera ein und macht ihn so erst für uns sichtbar.

Ihre Fotografien erscheinen dabei weniger narrativ, sondern folgen mehr einer Struktur, einem konzeptuellen Ansatz bzw. wissenschaftlichen Prinzip. Vermeintlich methodisch-sachlich birgt die Bildsprache jedoch ein starkes kontemplatives Moment, in dem die Aufnahmen zu ästhetischen Mitteilungen und Zeichen gerinnen. Es geht weniger um die Erkennbarkeit als vielmehr um einen visuellen Rhythmus darin. Markante Linien und Formen von Brückenpfeilern oder - geländer, Eisenbahnschienen, eine Hausecke oder Bank, ein Sportplatz, Straßen, Wege, Schilder scheinen sich mit dem sie umgebenden Grün zu verbünden. Dergestalt blicken wir auf immerwährend menschenleere Flächen, die aufgrund ihrer inneren Verbindungen, was Urbanität, Nutzlandschaft und Naturraum angeht, an interpretatorische Durchlässigkeit gewinnen. In dem Wissen um die darin verborgene Nachtigall (fast wähnen wir uns wie in einem Suchspiel), werden aus vermeintlichen Bildzufällen fotografische Charakteristika, die wie Stellvertreterportraits den Ort und seine Bewohner umschreiben.

In der Präsentation formen sich die Bilder zu einem einzigartigen poetischen Kosmos und rufen dabei ganz eigene Empfindungen hervor – wie ein Innehalten fernab vom städtischen Lärm. Der Kamerablick ist auf das Grün fokussiert und in der Anordnung verdichtet. Die zwei Zeitebenen, in denen sich das Projekt bewegt, verschmelzen unmerklich und überlagern sich – auf der einen Seite die vergleichsweise einsame und in sich tragende Stille der Nacht (vom Nachtigallengesang einmal abgesehen) – auf der anderen Seite die lichten farbigen Bilder inmitten des Alltaglebens.
An manche Orte ist Friebel mehrmals zurückgekehrt – dichtes Gebüsch kann man wegen der harten Kontraste nicht bei Sonnenlicht fotografieren. An anderen Stellen hat sie mit ihrem Sucher genau zirkuliert –  der üppig wirkende Strauch bestand aus nichts weiter als einem sehr schmalen Streifen, was man aber im Bild so nicht erkennt.

Letztendlich hat Friebel den Fotografien grafische Spektogramme der Tonaufzeichnungen und Informationen der einzelnen Erhebungen hinzugefügt. Das in die Ausstellung einladende Blau spielt mit dem romantisch-verklärenden Moment. Die Nachtigall selbst bleibt aber, wie im wahren Leben, nahezu unsichtbar. Allein einige Bildnotizen von einem wissenschaftlichen Beringungsprojekt im Treptower Park vermitteln eine Ahnung von ihrer Verletzbarkeit.

Daniela Friebels konzeptuelle Arbeit ist von einer Vielschichtigkeit durchdrungen, die in ihrer Lesbarkeit viele Möglichkeiten der Interpretationen eröffnen können. In diesem Sinne (und hier möchte ich Babette Richter zitieren) „ist die Sicht auf die Welt stets auch eine sich verändernde, filternde und subjektive Sicht. Was wir wahrnehmen (und hier kommt das teilweise sehr ausdifferenzierte künstlerische Ouevre von Daniela Friebel auf den berühmten Schlußpunkt) ist nur die Projektion und Konstruktion von Realität.“
Wie die Nachtigall ihr Revier lassen sich Räume benennen, begrenzen, gestalten, verschieben oder verändern. Es kommt dabei einmal mehr auch auf die eigene Sicht und Wahrnehmung, auf das Erkennen und Verstehen an. Und – nun sind wir ganz bei der Künstlerin – auch auf die Abbildbarkeit von Wirklichkeit.

Franziska Schmidt, 2019